Benzinpreise: Konzerne nutzen die Zwölf-Uhr-Regel zu ihrem Vorteil

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Die seit Anfang April geltende sogenannte Zwölf-Uhr-Regel sollte den Tankstellenmarkt beruhigen: Preiserhöhungen sind nur noch einmal täglich und zwar mittags um 12 Uhr erlaubt, Preissenkungen hingegen jederzeit. Die politische Erwartung dahinter war, hektische Preiszacken im Tagesverlauf zu glätten und den Wettbewerb zu stärken. Doch die ersten Auswertungen, Studien und Reaktionen aus der Branche zeichnen in den vergangenen zwei Tagen ein anderes Bild: Statt Entlastung mehren sich Hinweise, dass die neue Taktung den Mineralölkonzernen zusätzliche Spielräume eröffnet und das Preisniveau eher nach oben verschiebt.

Was die Zwölf-Uhr-Regel genau regelt

Das Prinzip ist einfach: Tankstellen dürfen die Preise für Benzin und Diesel innerhalb eines Tages beliebig oft senken, aber nur einmal am Tag erhöhen, und diese Erhöhung muss um 12 Uhr erfolgen. Damit orientiert sich Deutschland an einem Modell, das in ähnlicher Form aus Österreich bekannt ist. Die Idee: Wenn Erhöhungen gebündelt werden, sollen Verbraucherinnen und Verbraucher Preisspitzen besser umgehen können, während der Wettbewerb über Preissenkungen weiterhin funktioniert.

In der Praxis führt die Regel allerdings dazu, dass sich der Markt auf einen neuen Fixpunkt ausrichtet. 12 Uhr wird zum zentralen Koordinationsmoment: Wer vorher senkt, kann mittags wieder anheben; wer mittags anhebt, kann danach schrittweise nach unten korrigieren. Genau diese Mechanik steht nun im Zentrum der Kritik.

Aktuelle Befunde: Höhere Margen statt niedrigere Preise

Studie: Zusätzliche Gewinne in den ersten zwei Wochen

Eine am 26. April veröffentlichte Meldung berichtet über eine Studie, nach der die Regel die Margen der Mineralölkonzerne gestärkt habe. Demnach lag bei Superbenzin die Gewinnmarge in den ersten zwei Wochen nach Einführung im Durchschnitt um mehrere Cent pro Liter höher als in den zwei Wochen davor. Der Befund ist politisch brisant, weil die Regel ursprünglich auch als Antwort auf Marktbeobachtungen gedacht war, wonach Preissteigerungen oft sehr schnell durchgereicht werden, während Preissenkungen nur zögerlich ankommen.

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Der Kern der Kritik: Wenn sich ein tägliches Erhöhungsfenster institutionell verfestigt, kann ein Risikoaufschlag leichter „eingepreist“ werden. Unternehmen müssen nicht mehr in vielen kleinen Schritten reagieren, sondern können eine einmalige Erhöhung so setzen, dass mögliche Kostensteigerungen im Tagesverlauf bereits vorweggenommen werden.

ADAC-Argument: Risikoaufschlag um 12 Uhr, langsamer Abbau danach

Parallel zur Studienlage wird in der Debatte auf Auswertungen verwiesen, die das typische Tagesmuster seit der Einführung beschreiben: Kurz vor 12 Uhr tendieren die Preise eher nach unten, direkt nach 12 Uhr kommt es zu einem Sprung nach oben, erst anschließend sinken die Preise wieder – aber nicht zwingend auf das vorherige Niveau. Diese Logik passt zu der These, dass die Regel zwar kurzfristige Orientierung bietet, langfristig aber ein höheres Preisplateau begünstigen kann.

Hinzu kommt ein Wettbewerbsproblem: Wenn alle Marktteilnehmer wissen, dass der einzige Zeitpunkt für Preiserhöhungen identisch ist, wird das Verhalten stärker synchronisiert. Selbst ohne ausdrückliche Absprache kann ein solcher Mechanismus die Preissetzung stärker angleichen, weil der Markt jeden Tag denselben Takt vorgibt.

Warum eine scheinbar verbraucherfreundliche Regel das Gegenteil bewirken kann

Koordinationspunkt statt Wettbewerbsschub

In einem Markt mit vielen Akteuren kann Preistransparenz Wettbewerb fördern. Die Zwölf-Uhr-Regel schafft jedoch mehr als Transparenz: Sie schafft einen gemeinsamen Takt. Damit wird der Preiswettbewerb im Tagesverlauf in zwei Phasen geteilt. Vor 12 Uhr kann sich ein Abwärtswettbewerb entwickeln, weil niemand mehr erhöhen darf. Nach 12 Uhr wird häufig ein höherer Ausgangspunkt gesetzt, von dem aus sich der Preis wieder nach unten bewegt.

Wenn der mittägliche Sprung hoch genug ausfällt, kann der spätere Preisrückgang für viele Tankzeitpunkte dennoch teurer bleiben als in einem System ohne festen Erhöhungszeitpunkt. Der Effekt trifft besonders diejenigen, die typischerweise nicht vormittags tanken können, etwa wegen Arbeitswegen und Alltagsrhythmen.

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„Rakete-und-Feder“-Problem bleibt – oder verschiebt sich

Ein zentrales politisches Motiv war, ein altes Muster zu durchbrechen: Steigende Rohölpreise wirken schnell auf den Endkundenpreis, sinkende Rohölpreise langsamer. Durch die Bündelung der Erhöhung sollte die Dynamik gebremst werden. Doch wenn die Erhöhung um 12 Uhr einen Sicherheits- oder Risikoaufschlag enthält, kann die „Rakete“ sogar institutionell gestützt werden: Der Aufschlag kommt gebündelt, die Rückgabe an den Markt erfolgt gestreckt über viele Stunden.

Damit wird das Problem nicht unbedingt gelöst, sondern in eine neue Tagesform gegossen: ein scharfer Sprung und ein langsamer Rückgang. Genau diese Mechanik wird in den jüngsten Berichten als Erklärung genannt, warum die Regel das allgemeine Preisniveau nicht senkt.

Politische Nebenwirkungen: Tankrabatt und Regulierungslogik

Zusätzliche Brisanz gewinnt die Debatte, weil parallel erneut über staatliche Entlastungen diskutiert wird. Wenn ein Tankrabatt oder eine Steuersenkung politisch beschlossen wird, entsteht unmittelbar die Frage, wie viel davon tatsächlich an der Zapfsäule ankommt. In einem Markt, der sich ohnehin auf ein tägliches Erhöhungsfenster fokussiert, kann eine Entlastung leichter „eingepreist“ werden, wenn Unternehmen erwarten, dass die Nachfrage kurzfristig stabil bleibt.

Die Kombination aus Regeltakt (12 Uhr) und Entlastungsdebatte (Rabatt/Steuer) ist deshalb heikel: Eine Maßnahme, die eigentlich dämpfen soll, kann in der Wahrnehmung zum Signal werden, dass Preisspielräume politisch abgesichert sind. Das verstärkt Misstrauen und erhöht den Druck auf Behörden, die Einhaltung der Regeln und mögliche Missbrauchsmuster intensiver zu prüfen.

Quellen

heise autos: ADAC: Österreich-Modell verteuert Tanken
https://www.heise.de/news/ADAC-Oesterreich-Modell-verteuert-Tanken-11265700.html

Stern.de: ADAC-Auswertung: 12-Uhr-Regelung an Tankstellen ist ein Flop
https://www.stern.de/panorama/adac-auswertung–12-uhr-regelung-an-tankstellen-ist-ein-flop-37332388.html

Finanztip: Neue Tankregel im Check: Musst Du wirklich kurz vor 12 Uhr tanken?
https://www.finanztip.de/daily/neue-tankregel-im-check-musst-du-wirklich-kurz-vor-12-uhr-tanken/

siehe dazu auch:  Spritpreise im Aufwärtstrend: ADAC empfiehlt günstige Tankzeiten

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